Anton Joseph Stein

Bronzemedaille auf Stein: Johannes Weiss, 1844

Dieser wenig bekannte Gelehrte wurde 1759 in Bladen (Schlesien) geboren, lehrte ab 1785 Poetik am Akademischen Gymnasium und am Gymnasium zu St. Anna in Wien und wurde per Sommersemester 1806 als Nachfolger Franz Karl Alters als Ordinarius für klassische Literatur an die philosophische Fakultät der Universität Wien berufen. Fast zwanzig Jahre lang wirkte er in dieser Position und unterwies so unterschiedliche Personen wie Franz Grillparzer, Eduard von Bauernfeld oder Johann Nepomuk Nestroy in lateinischer und vor allem griechischer Sprache und Literatur. Der als stadt-bekanntes Original gehandelte Professor, dessen verbissene Kreuzzüge gegen das damals in Mode kommende Tabakrauchen offenbar ebenso allgemein bekannt waren wie seine allsonntäglichen Spaziergänge auf den Kahlenberg oder seine Gewohnheit, zum jährlichen Todestag Ciceros in Trauerkleidung und mit Blumenbouquet in der Vorlesung aufzutreten, gehörte zum Kreis der ‚Schubertiaden‘ rund um Franz Schubert, war aber auch mit Beethoven bekannt. Nach seiner Pensionierung (1825) verblieb er in Wien, wo heute die Steingasse (3. Bezirk) nach ihm benannt ist, und starb 1844. Sein Grab auf dem St. Marxer Friedhof ist zur Zeit bis zur Unkennlichkeit verwahrlost.

Besonderes Interesse gilt dem literarischen Schaffen dieses im wahrsten Sinne des Wortes klassischen Philologen. Seine im jetzigen Sinn wissenschaftliche Tätigkeit nämlich beschränkte er auf die Lehre, der er, obzwar dem Vernehmen nach kein sonderlich begnadeter Pädagoge, hingebungsvoll oblag: ein durchaus sympathischer Zug, bedenkt man die heutige Situation der Wissenschaft, welche die Lehre gern zum ungeliebten Stiefkind der Forschung verkommen läßt. Was Stein publizierte, waren fast ausschließlich Gedichte, bald Gelegenheitspoeme zu gesellschaftlichen Ereignissen, bald spottlustige Epigramme, bisweilen aber auch ernsthafte Texte, die man der engagierten Lyrik zurechnen muss. Dass letztere Gedichte auf Latein und sogar Griechisch verfasst waren, beweist, wie fest die Position der klassischen Sprachen in der Gesellschaft zu Steins Zeiten noch war – einige Jahrzehnte später wäre eine griechische Ode tagespolitischen Inhalts höchstens noch ein gelehrter Jux gewesen; doch zu diesem Zeitpunkt hatte bereits die vielfach so hoch gepriesene Reformierung der Antikenwissen-schaften in der Nachfolge Friedrich August Wolfs die klassische Philologie zwar zu ungeahnter Höhe getrieben, sie aber durch die Abkoppelung vom aktiv künstlerischen Schaffen in jene prekäre gesellschaftliche Position gebracht, in der sie bis heute verharrt.

Von solchen Entwicklungen war Stein noch unberührt, und zugleich war er ihnen auch schon wieder einen Schritt voraus. Sein Amor capnophilus nämlich, ein von Stein selbst gefälschtes Epyllion rund um einen als unverschämten Flegel gezeichneten tabakrauchenden Amor und seine Begegnung mit darob angewiderten Musen, erschien 1829 in einer umfangreichen und von köstlichem Humor getragenen kommentierten Edition – Steins einzige im technischen Sinn wissenschaftliche Publikation war also eine Parodie auf die hohe Wissenschaft. Und dieser – nach derzeitigem Kenntnisstand – von ihm begründeten Lokaltradition ist die Wiener klassische Philologie, die ihm nebenbei auch die Begründung der Beschäftigung mit humanistischer und jüngerer neulateinischer Dichtung verdankt (eine entsprechende Anthologie gab er 1816 heraus), unbestätigten Gerüchten zufolge auch treu geblieben. Jedenfalls aber nimmt Stein in der über weite Strecken noch wenig erforschten Geschichte dieser lokalen Philologie einen nicht uninteressanten Platz ein, sodass daran gedacht ist, ihn zum Ausgangspunkt eines entsprechenden Forschungsprojektes zur Erhellung der Rahmenbedingungen klassisch-philologischer Studien im Österreich des 18. und frühen 19. Jahrhunderts zu machen.