Statius‘ Silvae

P. Papinius Statius, der dem Mittelalter immerhin als der größte römische Epiker nach Vergil galt und dessen Einfluss auch in der Neuzeit noch spürbar ist, wurde wie die meisten Autoren der ’silbernen Latinität‘ im neunzehnten Jahrhundert marginalisiert und im zwanzigsten nur zögernd wieder zum Gegenstand der Forschung gemacht – wofür neben dem generellen Stigma des ‚Epigonen‘ sicherlich auch die Schwierigkeit und Unhandlichkeit seiner Texte verantwortlich war, die zum Beispiel an eine Statiuslektüre im Lateinunterricht kaum denken lässt, während sein Zeitgenosse und Antipode Martial sich aus genau gegenteiligen Gründen inzwischen immerhin einen stabilen Platz im Schulkanon sichern konnte. Gerade der Kontrast zu dem Übertreibungskünstler und meist vorschnell als ungetrübter Einblick in ‚das‘ römische Alltagsleben herangezogenen Martial aber macht mit Statius deutlich, welch erstaunliche Bandbreite der Literaturbetrieb unter dem durch die Geschichtsschreibung seiner Nachfolger als Tyrann gebrandmarkten Domitian aufwies und welche Freiräume er sich zu schaffen vermochte.

Zentral für derlei Betrachtungen sind die Silvae, eine Sammlung von gut dreißig einzelnen Gedichten, die Statius zu verschiedenen, bisweilen recht gering-fügigen, bisweilen bizarren Themen verfasste und unter der Allüre rasch hingeworfener Stegreifskizzen im Kontext der vornehmen flavischen Gesellschaft gruppenweise herausgab. In seinem Gesamtwerk nehmen sie ungefähr die Stellung der Moments musicaux und Impromptus im Œuvre Schuberts, oder der Bagatellen in dem Beethovens ein: Kleine bis mittelgroße Stücke von erlesener Qualität, relativ frei von den traditionell festgelegten Zwängen der großen Gattungen, experimentell in einem Grad, wie man ihn erst in der lateinischen Literatur der Spätantike vermuten würde. Dabei kollidiert diese notorische ‚Schrägheit‘ der Silvae mit ihrem außerordentlich schlechten Überlieferungszustand, beruht doch das Wesen jeder Textkritik darauf, einen Text als relativ homogenen und berechenbaren Raster zu betrachten und die dabei zu beobachtenden Systemfehler durch Angleichung an den Raster zu beheben. Was aber, wenn der fragliche Text selbst ein geschlossenes System verweigert und in geradezu postmoderner Weise mit den grundlegendsten Mechanismen von Textproduktion und -interpretation spielt, etwa wenn in silv. 1, 3 am Axiom der Präsupposition des Raumes in narrativen / beschreibenden Texten gerüttelt wird? Oder wenn, wie in silv. 2, 3, der Text zum Double der in ihm geschilderten Gegebenheit wird und diese Korrespondenz durch das Motiv der Spiegelung (in antikem Verständnis des Vorganges) auch selbst inszeniert? Dann, so könnte man formulieren, wird es wirklich spannend, und Elementen wie der gerade angedeuteten Raumfrage in Statius‘ Villen- und Spiegelgedichten gilt mein derzeitiges Forschungsinteresse.