Wigbod

Etwa in den Jahrzehnten zwischen 780 und 800 kompilierte ein Presbyter namens Wigbod aus diversen patristischen Quellen bzw. Zwischenquellen (vor allem zu Augustinus, dessen große Schriften zur Genesisexegese er anscheinend noch nicht kannte oder aber im Original nicht recht bewältigte) umfassende Kommentare zu den Evangelien und zum Buch Genesis sowie, hier praktisch nur Isidor ausschreibend, zu den Büchern Exodus bis Ruth. Die erhaltenen Widmungsgedichte zeigen, dass damit ein Karl dem Großen gewidmetes und wohl von ihm offiziell in Auftrag gegebenes Kommentarwerk vorliegt, was an sich schon das Werk interessant macht. Von besonderem Interesse aber ist der Entstehungsverlauf des Werkes, dessen Verfasser als Person so gut wie ungreifbar ist, falls er nicht (wie verschiedentlich vermutet wurde) mit dem Abt von Lorsch und späteren Erzbischof von Trier namens Rigbod identisch ein sollte: Gerade Wigbods Kommentar zum Alten Testament nämlich lässt dank einer relativ glücklichen Überlieferungssituation mehrere Vorstufen und damit das allmähliche Anwachsen und Neuarrangieren des exegetischen Materials beobachten. Die letzte Ausbaustufe schließlich bildete eine Kombination des Kommentars mit allen thematisch passenden und für Wigbod erreichbaren spätantiken Bibelgedichten, die zu diesem Zweck zum Teil kräftig zurecht-gestutzt, eventuell auch mit neuen Autorennamen ausgestattet wurden. Gleiches scheint auch für den Kommentar zum Neuen Testament zu gelten, auch wenn hier die Überlieferungslage schlechter ist und ein poetisch-prosaisches Corpus nur aus verschiedenen Gründen angenommen werden kann. Da für etliche der solcherart bearbeiteten Bibelgedichte keine an Wigbod vorbeiführende Tradition mehr greifbar ist, wirkt sein in diesem Fall nicht unbedingt segenstiftendes Tun für die Philologie bis heute nach.

Mein persönliches Interesse an Wigbod beschränkt sich derzeit auf seinen Umgang mit der spätantiken Bibeldichtung und auf die Liste der davon nachweislich betroffenen Texte: vgl. die Publikationsliste.