Bibeldichtung

Mein Interesse gilt vor allem den kleineren Bibel-dichtungen der Spätantike, denen in der Forschung bislang nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Ausgangspunkt für meine Forschungen war, ausgehend von Anregungen und früheren Untersuchungen Kurt Smolaks, die Edition und Kommentierung zweier unter dem Namen des Hilarius von Poitiers überlieferter Gedichte etwa aus der Mitte des 5. Jhdts., des Metrum in Genesin und des Carmen de Evangelio. Ersteres erzählt die Schöpfungsgeschichte bis zum Sündenfall, springt dann zur Sintflut und gelangt über eine extreme Raffung des restlichen Alten Testaments (in 3 Versen!) und die gängige typologische Korrespondenz von Sintflut und Taufe gewissermaßen an die Schwelle des Neuen Testaments; das zweite Gedicht paraphrasiert die wichtigsten Evangelienperikopen von der Geburt Jesu bis zu einigen seiner Wundertaten, bricht aber vor der wahrscheinlich referierten Erweckung des Lazarus und dem unverzichtbaren Passionsbericht überlieferungsbedingt ab. Beide Gedichte bilden, wie ich nachweisen konnte, die Hälften eines einzigen durchlaufenden Textes, der erst in karolingischer Zeit zerschnitten wurde und sich strukturell an der liturgischen Abfolge von Sursum corda – Dignum et iustum est – Sanctus – (Benedictus) orientiert, also zugleich eine Bibel- und eine Liturgieparaphrase darstellt.

Ergänzende Untersuchungen betreffen die Traditionslinie des altneutesta-mentlichen Doppelgedichtes (Proba – Pseudohilarius – Pseudovictorinus) und das Carmen De Iesu Christo Deo et homine des Ps.-Victorinus von Pettau, das dabei auch neu ediert wurde: vgl. die Publikationsliste. Allen diesen Texten ist neben der pseudonymen Überlieferung gemein, dass sie in karolingischer Zeit einem sonderbar einheitlichen Zerschneidungsprozess unterzogen wurden, und sie teilen diese Eigenheit mit weiteren Texten wie dem Cento des Pomponius oder dem Gedichtpaar De Sodoma / De Iona. Näheres dazu siehe unter Wigbod.