Forschung

 

Die klassische Philologie rechtfertigt ihre Existenz im allgemeinen unter Berufung auf die über zweitausedjährige literarische Tradition, welche nur sie erschließen kann, und vollends die Latinistik weist mit Recht darauf hin, dass auch abseits des Kernbereichs der ‚hohen‘ Literatur lateinische und abendländische Tradition zumindest bis in die hohe Neuzeit weitgehend deckungsgleiche Begriffe sind. Freilich: Eine gleichmäßige und zugleich tiefgehende Durchdringung dieser gesamten Tradition erscheint unmöglich, schon gar angesichts des notwendigerweise weiten Literaturbegriffs der klassischen Philologie und der daraus resultierenden großen Zahl thematischer Felder. Eine gewisse Streuung der eigenen Interessensbereiche zur zumindest punktuellen Abdeckung des weiten Terrains aber scheint bei aller Oxymorität der Formulierung nicht bloß vertretbar, sondern wünschenswert, zur Schärfung des forschenden Blickes ebenso wie zur Bereicherung der Lehre und zur nach Möglichkeit plausiblen Vertretung jener eingangs angedeuteten Existenzrechtfertigung. Verbindende Elemente selbst der divergierendsten Interessen bleiben indes stets die Fundiertheit jeder philologischen Tätigkeit in Textkritik und Detailarbeit am Text, kombiniert mit methodischem Respekt vor demselben: Nicht die Methode sucht sich einen Text und stülpt sich ihm über, sondern der Text zeigt, welche Methoden ihm angemessen sind.

Ungefähr auf dieser Grundlage, und mehr noch vermutlich aus simpler Neugier, ergaben sich meine derzeitigen Arbeitsbereiche. Aus Arbeiten zur kleineren spätantiken Bibeldichtung resultierte fast automatisch die Beschäftigung mit dem Bibelexegeten Wigbod da die Überlieferungsgeschichte vieler dieser Dichtungen nur über ihn zu erklären ist. Aus einer ursprünglich nur von oberösterreichischem Lokalpatriotismus getragenen Studie zum Iter Anasianum des Gaspar Brusch ging eine Monographie hervor, und die Beschäftigung mit Brusch wiederum weckte mein Interesse an nicht explizit angesprochenen, doch implizit bedeutenden und strukturbildenden Phänomenen der räumlichen und bildlichen Wahrnehmung in der Literatur: Dies der Grund, der mich zu meiner derzeitigen Beschäftigung mit den Silvae des Statius veranlasste. Andere Gebiete ergaben sich durch Zufall: Die Überarbeitung der Edition des Johannes Cassianus im CSEL durch einen Auftrag seitens der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, eine Studie zu dem Wiener Philologen A. J. Stein durch den Fund einer auch dem Kenner der Wiener Institutsgeschichte zunächst unerklärlichen Medaille im Antiquitätenhandel, die Beschäftigung mit Altman von St. Florian und seiner Dichtung durch ein Ersuchen seitens dieses Stiftes anlässlich des 1700-Jahr-Jubiläums seines eponymen Märtyrers.

Aus alledem resultiert eine gewisse Buntheit, die vielleicht nicht ad infinitum ausgedehnt, aber sicherlich noch gesteigert werden soll: Für die nähere Zukunft plane ich neben Studien zu Statius‘ Silvae die Herausgabe einer hochmittelalterlichen Regumparaphrase aus dem Cod. Paris. Lat. 14758 (gemeinsam mit Eva Kreuz), sowie weitere Untersuchungen zu den exegetischen Schriften Wigbods, denen in unbestimmter Zukunft seine Edition auch dieses schlecht zugänglichen Œuvres folgen könnte. Ähnliches gilt für einige der Werke Altmans wie seinen Canticumkommentar und seine metrischen Heiligenviten.